„Mehr Selbstvertrauen. Mehr Selbstbewusstsein. Und mehr Unangenehmsein.“

Wie Steffi Bauer sich eine kreative Selbstständigkeit aufgebaut hat, die wirklich trägt.

Vom ersten Auftrag über den eigenen Stil bis hin zu großen Kooperationen und eigenen Formaten – Steffi ist ihren Weg nicht geradlinig gegangen, sondern Schritt für Schritt. Mit viel Mut, Klarheit und einem starken Gespür für das, was funktioniert. Heute arbeitet sie als Illustratorin und Designerin mit namhaften Brands zusammen, entwickelt eigene Konzepte und hat sich ein Business aufgebaut, das sie finanziell und im Alltag trägt.

Im Gespräch erzählt Steffi, warum kreative Selbstständigkeit oft unterschätzt wird, welche Fehler viele am Anfang machen – und was es wirklich braucht, um von kreativer Arbeit gut leben zu können. Ein ehrlicher Blick auf Preise, Strukturen, Netzwerke und die Frage, wie man sich ein Arbeitsleben aufbaut, das nicht nur schön aussieht, sondern auch langfristig funktioniert.

(Das Interview ist ein Auszug unseres Drink & Dings Events am 20.3.26)

Viele glauben ja, kreative Selbstständigkeit bedeutet Unsicherheit oder Existenzminimum. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig – oder ist er für viele vielleicht tatsächlich Realität?

Warum er sich hält, ist schon auch, dass es nicht einfach ist. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und war auch auf einer Kunstschule – und selbst dort wird dir gesagt: Vor allem als Illustratorin, mach es lieber nicht.

Sich da aufzustellen, ist extrem schwierig. Aus meiner Erfahrung geht kreative Arbeit mit sehr viel Unsicherheit einher, weil du dich so stark mit deiner Arbeit identifizierst. Gerade im Design ist das so: Deine Arbeit bist ein Stück weit du selbst. Du verarbeitest Dinge darin. Das heißt: Sich damit zu zeigen und rauszugehen, ist für viele schon die erste Hürde.

Und dann kommt noch etwas dazu: Wir Frauen sind wahnsinnig viel schlechter darin, uns zu verkaufen. Wir rechtfertigen uns fast dafür, dass wir etwas gut machen. Wir sagen: „Ich hatte Glück mit einem Projekt.“ Und meistens haben wir auch noch zu wenig Geld verlangt. Während der Typ daneben sagen würde: „Hab ein geiles Projekt gemacht. Super gelaufen. Hab endgut verdient.“

Gleichzeitig ist es aber auch wirklich ein schwieriger Beruf. Du musst einen eigenen Stil entwickeln. Du musst etwas machen, das auffällig genug ist, dass andere es wollen und in andere Kontexte übersetzt werden kann.

Und dann hilft es sehr, wenn du nicht nur diese eine Sache hast, sondern dir mehrere Säulen aufbaust. Wenn du nur genau diese eine Sache machst, dauert es oft sehr lange, bis das so angenommen wird, dass du davon gut leben kannst.

Und dann gibt es natürlich auch immer Leute, die sagen: „Ich mache das für 300 Euro.“ – weil sie es nebenbei machen. Das macht es für alle, die davon leben wollen, nicht leichter.

Die richtigen Preise zu setzen und sie dann einzufordern, ist aber auch für viele nicht einfach.

Absolut. Und das ist wirklich ein großes Thema – gerade bei Frauen. Ich bekomme oft Nachrichten wie: „Ich habe zwei Artworks gemacht, ich würde dafür 20 Euro nehmen.“ Und ich denke mir: Oh Gott. Natürlich verstehe ich das total. Aber genau da beginnt es.

Ich musste das Thema Preise auch erst lernen. Mein erster größerer Auftrag war ein Packaging-Projekt. Und damals habe ich einen sehr guten Rat bekommen: „Pass auf die Nutzungsrechte auf. Und mach dich nicht kleiner, nur weil du denkst, es ist eine gute Referenz.“

Heute habe ich feste Preise. Aber am Anfang musste ich das erklären – und auch lernen, meine Arbeit zu kalkulieren. Und ich bin sehr froh, dass ich meinen ersten großen Auftrag nicht zu billig gemacht habe. Das war entscheidend.

Natürlich gibt es Mischkalkulationen. Aber wenn jemand deinen Preis nicht zahlen will, solltest du dich nicht unter Wert verkaufen.

Wo siehst du andere typische Fallstricke in der Selbstständigkeit?

Man muss sich mit Steuern und Finanzen auseinandersetzen. Das klingt langweilig, aber es gehört total dazu. Viele melden zum Beispiel ein Gewerbe an, obwohl sie kreativ arbeiten und das gar nicht unbedingt müssten. Wenn du überwiegend künstlerisch oder gestalterisch arbeitest, kannst du auch mit einer Steuernummer arbeiten – und das macht zum Beispiel bei der Künstlersozialkasse einen riesigen Unterschied. Viele öffentliche Stellen oder auch Steuerberater:innen kennen sich mit kreativen Berufen nicht gut aus. Da wird schnell gesagt: „Melden Sie ein Gewerbe an.“ – und damit verbaust du dir unter Umständen Wege.

Ein weiterer Punkt ist die Steuerfalle. Viele stolpern irgendwann über Vorauszahlungen, Nachzahlungen und diese berühmte Dreifachbelastung. Dann kommt plötzlich eine riesige Summe – und du hast keine Rücklagen.

Ich bin mit selbstständigen Eltern aufgewachsen, deshalb hatte ich da früh einen Zugang. Aber grundsätzlich braucht es gar nichts wahnsinnig Kompliziertes – eher dieses Dranbleiben und sich kümmern.

Du machst ja sehr viele unterschiedliche Dinge. Wie setzt sich dein Business konkret zusammen?

Die Hauptsäule ist mein Design – also mein Stil, der von Kund:innen oder Brands gebucht wird. Dann kommen meine Artworks,

Workshops gibt es auch, die sind aber eher ein Zugang zu den Menschen. Größer geworden sind Eventkonzepte – also komplette Formate mit Gestaltung, Ablauf, Materialien. Das ist inzwischen eine wichtige Säule.

Der Webshop ist eher ein kleiner Teil – aber ich liebe ihn, weil er eine Verbindung zu meinen Kund:innen schafft.

Drinks & Dings - in Steffis Atelier im Münchner Westend


Du sprichst auch offen über deine Zeit nach der Trennung vom Vater deines Sohnes. Und stehst heute stabiler da als vorher. Was hat dir geholfen?

Erstmal: Überleben. Wir haben uns getrennt, da war mein Sohn zwei. Ich musste einfach funktionieren – eine Wohnung finden, alles organisieren. Ich habe in der ersten Woche nach der Trennung drei Events gemacht. Das war komplett absurd. Aber ich hatte auch keine Wahl.

Was sich dann gezeigt hat: Ich hatte plötzlich mehr Überblick – auch finanziell. Und ich habe gemerkt: Es funktioniert. Wir Frauen unterschätzen uns maßlos. Gerade wenn wir vorher viel Care-Arbeit machen, sehen wir gar nicht, was wir alles leisten. Und wenn sich die Situation verändert, wird plötzlich sichtbar, was möglich ist.

Was mich getragen hat, waren die Menschen um mich herum. Vor allem andere Frauen. Dieses Gefühl von Unterstützung – das ist riesig.

Was wünschst du dir für Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollen?

Mehr Selbstvertrauen. Mehr Selbstbewusstsein. Und mehr Unangenehmsein.

Sagt mehr, was ihr denkt. Auch wenn es sich komisch anfühlt. Ich muss das selbst auch noch lernen. Oft fällt mir etwas erst im Nachhinein ein. Aber ich sage es dann trotzdem.

Und ich glaube wirklich: Wenn wir mehr auf unser Gefühl hören würden – gerade wir Frauen – dann wäre die Welt besser.

Steffis Arbeiten tragen eine klare Handschrift und sind so wandelbar zugleich.

Vielen Dank für das so gute Gespräch, liebe Steffi! Folgt Steffi auf Instagram, um mehr über sie und all ihre guten Projekte zu erfahren.

Fotos: Anna Aichler, Anna-Katharina Pelzel, Vivien Neumann

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„Folge dem, was dir Freude macht. Du musst nicht genau wissen, wohin der Weg führt.”