„Folge dem, was dir Freude macht. Du musst nicht genau wissen, wohin der Weg führt.”
Wie Nina ihr Siebdruckstudio JAKOB&TATZE Schritt für Schritt aufgebaut hat.
Illustrationen auf Märkten, ein Platz im Gemeinschaftsatelier, der Sprung in die Vollzeit-Selbstständigkeit – Nina ist ihren Weg in kleinen, mutigen Schritten gegangen. Heute betreibt sie mit JAKOB&TATZE ein Siebdruckstudio in Frankfurt, gibt Workshops und setzt Druckaufträge um.
Im Gespräch erzählt Nina, wie sich Selbstständigkeit wirklich anfühlt, warum Chancen manchmal einfach vor der eigenen Tür liegen – und weshalb Freude an der Arbeit oft der beste Kompass für die nächsten Entscheidungen ist. Ein ehrlicher Blick auf Wachstum, Verantwortung und kreatives Unternehmerinnentum.
Nina, du hast JAKOB&TATZE zunächst neben deinem Job als Designerin aufgebaut – und irgendwann den Schritt in die Vollzeit-Selbstständigkeit gewagt. Wann wusstest du: Jetzt ist es Zeit? Und was hat dir damals den Mut gegeben?
Ich war in der Anstellung, in der ich Anfang 2021 war, ziemlich unglücklich und hatte entschieden, da nicht mehr arbeiten zu wollen. Ich stand also vor der Frage: suche ich mir noch mal einen Job – obwohl ich mit meiner Selbstständigkeit eigentlich schon zu weit war und auch gar keine Lust mehr hatte auf einen Büro-Alltag? Oder traue ich mich und springe ins kalte Wasser? Die Entscheidungsfindung war eine kurze aber sehr emotionale und intensive Phase. Und plötzlich war es klar: ich versuch’s! Mut gegeben hat mir damals, dass ich es ja schon recht weit geschafft hatte. Und dass ich ein unterstützendes Umfeld hatte, das mein Vorhaben befürwortet hat.
Was hat sich verändert, als aus dem Nebenprojekt dein Hauptberuf wurde – finanziell, mental, kreativ? Gab es Dinge, die du vorher vielleicht romantisiert oder unterschätzt hast?
Nach der Kündigung habe ich erstmal den Gründungszuschuss beantragt und dazu einen Businessplan geschrieben. In den habe ich danach nie wieder reingeschaut, ehrlich gesagt, aber es hat sicher nicht geschadet, einmal alles runterzuschreiben. Der Zahlenteil hat sich für mich aber angefühlt wie pure Wahrsagerei. Dank des Zuschusses hatte ich für die ersten Monate ein bisschen Sicherheit, das war toll. Außerdem hatte ich in den Jahren davor alles gespart, was ich nicht direkt reinvestiert bzw. für Steuern und so Sachen ausgegeben hatte. Das hat mir ein kleines finanzielles Polster verschafft.
Was ich unterschätzt hatte, war, plötzlich den ganzen Tag allein zu sein und alles, wirklich alles, selbst entscheiden und im Blick haben zu müssen. Und damit meine ich auch die ganz banalen Sachen, wie zum Beispiel ans Mittagessen zu denken. Mein Partner hat mich jeden Mittag angerufen, um zu fragen, ob ich schon etwas gegessen hab. Eigentlich macht er das immer noch ;) Aber dank meiner Mitarbeiterinnen habe ich inzwischen mehr Struktur in meinem Alltag.
Für die Kreativität war es auch eine Umstellung. Einerseits war es ein wunderbares Gefühl, tagsüber so viel Zeit zu haben und normal Feierabend machen zu können. Andererseits hat die beschränkte Zeit, die ich davor hatte, auch viel Kreativität gebündelt und ich bin oftmals in den späten Abendstunden noch mal komplett aufgeblüht. Mein Körper vermisst diese Zeit nicht, mein kreativer Geist manchmal schon.
Mit der Vergrößerung deines Studios hast du nun einen weiteren großen Schritt gemacht – mehr Raum, aber auch mehr Fixkosten und Verantwortung. Wie bist du diese Entscheidung angegangen – auch finanziell? War das eher Mut, Kalkulation oder ein langer Abwägungsprozess?
Rückblickend würde ich sagen, es war wie bei allen großen Entscheidungen in meinem Leben: es ist irgendwie einfach passiert. Natürlich ist das nicht ganz wahr, ich mache mir sehr viele Gedanken und wäge ab. Aber trotzdem war es immer so, dass sich Chancen aufgetan haben – und ich glücklicherweise in der Lage war, sie zu sehen und mich darauf einzulassen. Mein neuer Raum zum Beispiel befindet sich direkt unter meinem vorherigen Studio. Die Fläche stand ewig leer und sah entsprechend aus. Über drei Jahre hinweg ist langsam die Idee aufgekeimt, dass ich da etwas Schönes draus machen könnte. Gewagt habe ich es, weil mein Partner auch Lust hatte auf dieses Großprojekt und weil ich einen ganz okayen Deal mit der Eigentümerin aushandeln konnte. Der Rest war eine gesunde Portion Naivität und Optimismus.
Wenn ein Unternehmen wächst, wächst auch die Verantwortung. Wie wirkt sich das auf deine eigene Kreativität aus? Hast du manchmal das Gefühl, weniger selbst zu gestalten – oder eröffnet dir die größere Fläche jetzt auch ganz neue kreative Möglichkeiten?
Dazu möchte ich ein bisschen ausholen, um zu erklären, was „kreativ Arbeiten“ für mich bedeutet:
In meinem vorherigen Job als Grafikdesignerin wurde ich dafür bezahlt, mir neue Designs auszudenken. Mir war immer bewusst, dass das ein Luxus-Beruf und etwas sehr Schönes ist. Immer kreativ abliefern zu müssen, kann aber auch ganz schön stressig sein und mir hat es irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Zumal ich im Büro mehr oder weniger gezwungen war, das vor einem Computer-Bildschirm sitzend zu tun.
Jetzt verdiene ich mein Geld grundsätzlich damit, Siebdruck-Workshops zu leiten und Druckaufträge umzusetzen. Das sind Dienstleistungen, für die ich mir nicht jedes Mal etwas Neues ausdenken muss. Sie folgen einem bestimmten Ablauf und basieren auf Handwerk und der Interaktion mit anderen Menschen. Das mag ich sehr gern. Die Kreativität kommt an anderer Stelle ins Spiel: nämlich, wie ich mein Business aufbaue, bewerbe und repräsentiere. Und das ist so vielfältig und abwechslungsreich, dass ich mich hier kreativ komplett austoben kann, ohne dass es direkt an Umsatz gekoppelt ist. Ich kann, ganz gemäß meinem eigentlichen Beruf, Werbeflyer gestalten. Ich kann aber auch zu einem Tag der offenen Tür einladen und tagelang Deko dafür basteln. Oder ich saniere eben 120 Quadratmeter in Eigenleistung, was mich sehr viel Geld gekostet hat – sich aber hoffentlich langfristig lohnt.
Die neuen Räumlichkeiten bieten mir die Möglichkeit, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Zum Beispiel, neben Workshops auch eine Offene Werkstatt anzubieten. Oder das Studio zu vermieten für Meetings, Fotoshootings oder Ausstellungen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich alles entwickeln wird und was für neue Kreativ-Ideen das bei mir auslöst.
Ninas neues Studio - im Februar frisch eröffnet
Gibt es andere kreative Unternehmer:innen oder Unternehmen, die dich inspirieren – gerade wenn es darum geht, mutige Schritte zu wagen oder ehrlich über Herausforderungen zu sprechen?
Auf jeden Fall. Zum Beispiel finde ich Viola Besucher, ein Keramik-Studio aus Frankfurt, und Franziska Klee, ein Ledertaschen-Atelier aus Leipzig, inspirierend. Sie sind schon ein paar Schritte weiter als ich, haben festangestellte Mitarbeiter:innen und mehr Fokus in ihrem Angebot. Aber es gibt auch viele Einzelunternehmerinnen und Freiberuflerinnen, mit denen ich mich regelmäßig austausche. Ich finde es sehr wichtig, auch über die schwierigen Themen offen zu sprechen. Es entsteht gerade in den sozialen Netzwerken zu schnell der Eindruck, dass bei den anderen alles perfekt läuft und es keine Probleme gibt.
Ausbau, Investitionen, Aufträge – Wachstum bringt auch Stress. Wie schaffst du es, bei dir zu bleiben, wenn vieles gleichzeitig passiert?
Tja, nicht so einfach. Denn natürlich kann ich auch nicht den ganzen Tag Deko basteln und immer nur nach Lust und Laune arbeiten. Wenn mich die Last der Verantwortung übermannt, neige ich dazu, in eine Art Schockstarre zu verfallen, gar nichts mehr auf die Reihe zu kriegen und mich dem Doomscrolling hinzugeben. Um mich danach dafür zu verurteilen. Nicht sehr gesund. Aber diese Momente werden Jahr für Jahr weniger. Was mir hilft: Mit meinen Liebsten darüber zu reden. Mich daran zu erinnern, dass ich nun mal so funktioniere und es wieder Phasen gibt, wo ich in kürzester Zeit sehr viel Schaffen kann. Und Siebdrucken. Wirklich.
Wenn du auf deine letzten Jahre zurückblickst – vom Nebenprojekt, über die Pop-Up-Shops bis zum größeren Studio – welche Erkenntnisse würdest du anderen kreativen Selbstständigen unbedingt mitgeben?
Folge dem, was dir Freude macht. Du musst nicht genau wissen, wohin der Weg führt, so lange du Spaß hast unterwegs.
Und was würdest du deinem Nebenberufs-Ich von damals heute gerne sagen?
Das wird schon, glaub mir 💜
Ninas neues Studio - vorher - nach dem dem Umbau
Vielen Dank für das schöne Interview, liebe Nina! Folgt Nina auf Instagram, um mehr über sie und all ihre guten Projekte zu erfahren.
Fotos: Nina Egli