“ONCE ist eine Einladung an Frauen, sich über die Zeit hinweg zu verbinden.”

Wie Johanna Hößle aus alten Tischdecken neue Stücke schafft - und wie sie ONCE auch nach dem Verlust ihrer Mitgründerin Justyna weiterführt.

Als Justyna ihr an einem Küchentisch von der Idee erzählte, aus Vintage-Tischdecken Kleidung herzustellen, war für Johanna sofort klar: Das machen wir zusammen. Als gelernte Schneiderin brachte sie den Schnitt, Justyna das Konzept. Gemeinsam gründeten sie ONCE there was a festive table - mitten in Justynas Krankheit, mit großer Sehnsucht nach etwas Schönem. Als Justyna vor zwei Jahren starb, war der erste Schnitt gerade fertig. Johanna stand vor der Frage, die sich niemand wünscht: Gehe ich alleine weiter - und wenn ja wie?

Im Gespräch erzählt sie, wie aus einer Bluse eine ganze Kollektion wurde, was es bedeutet, eine gemeinsame Idee alleine weiterzutragen - und warum jedes ONCE-Stück nun ein Stück Justyna in die Welt trägt.

ONCE there was a festive table - was verbirgt sich hinter diesem Namen und wie hat alles angefangen?

Der Name nimmt direkt Bezug auf das Material: die Tischdecken, die einmal festliche Tische schmückten. Aber auch auf das Verbindende, das an einem Tisch stattfindet, an dem Menschen zusammenkommen.

Angefangen hat alles ebenfalls an einem Tisch - meinem Küchentisch. Der war zwar überhaupt nicht festlich geschmückt, aber als Justyna mir dort von ihrer Idee erzählte, aus Tischdecken Kleidung herzustellen, und mich fragte, ob wir das zusammen machen wollen, war es, als würde eine Kerze angehen - oder die Sonne reinkommen.

Wir waren damals beide sehr belastet: Justyna mit ihrer Krankheit, ich mit großer Erschöpfung. Wir hatten eine große Sehnsucht nach etwas Schönem, Freudvollen und vor allem Kreativem.

Die erste Bluse war der Anfang - mittlerweile gibt es Jacken, Westen, Kragen, Scrunchies. Wie entwickelst du neue Schnitte - und was entscheidet, ob etwas Teil der Kollektion wird?

Angefangen hat alles mit einer Bluse - sie heißt SHE WALKS IN BEAUTY und ist der einzige Schnitt, den Justyna und ich zusammen entwickelt haben. Von Anfang an wollten wir auch andere Teile dazunehmen: Weste und Jacke. Der Schnitt der SHE WALKS IN BEAUTY ist die Grundlage für beide. Ich passe diesen Grundschnitt - von dem ich bereits weiß, wie zum Beispiel das Volumen ist - zunächst auf dem Papier an und überlege dabei schon, wie ich das Teil verarbeiten möchte. Als nächstes mache ich meistens ein Probeteil, oft aus einer Tischdecke, die schon sehr gebraucht ist und die ich so nicht mehr verwenden kann. Das hilft mir zu überprüfen, ob und wie die Stickerei auf dem neuen Teil funktioniert.

Den Impuls, die Weste LITTLE SUN umzusetzen, hatte ich tatsächlich, als ich euch - Kati und Fransi - auf Justynas Beerdigung kennengelernt hatte, weil ihr sofort gesagt habt, Westen wären so schön. So ist es meistens: Es gibt diese innere Liste mit ONCE-Teilen, und dann kommt ein Impuls von außen oder von innen, das Teil jetzt umzusetzen. Bei dem Kragen und den Scrunchies und Schleifen kommt noch dazu, dass ich so noch weniger Abfall habe, weil ich auch kleinere Stoffreste verwerten kann.

ONCE habt ihr zusammen begonnen, während deine Mitgründerin Justyna schon erkrankt war. Kurz nachdem der erste Schnitt fertig war, ist sie gestorben. Wie hast du entschieden weiterzumachen - und wie trägst du sie in der Arbeit weiter mit?

Ja, das war etwas ... Wir haben leider nie darüber gesprochen, ob und wie ich ONCE auch alleine weiterführen könnte. Und in den letzten Wochen, als Justynas Sterben immer realer wurde, hatte ich das Gefühl, es ohne sie nicht weitermachen zu wollen. Wir haben uns wenige Tage vorher noch einmal getroffen, und ich hatte die Blusen dabei - fünf Stück in verschiedenen Größen, noch ohne Knopflöcher und Knöpfe. Justyna hat dann die Bluse in ihrer Größe angezogen. Es war nicht leicht und hat viel Kraft gebraucht - aber dann hat sie so gestrahlt und sah so wunderschön aus.

Am Tag nach ihrem Tod war ich in der Werkstatt und habe so deutlich gespürt, dass dieses Strahlen nicht einfach so aufhören kann - und dass es mich trägt. Ich hatte dann noch ein Gespräch mit Justynas Bruder, das mich bestärkt hat, ONCE weiterzumachen. Ich denke, es hat sich vielleicht alles ein bisschen anders entwickelt, als es das mit Justyna zusammen getan hätte - aber das ist okay. Ganz oft ist es so, dass ich bei Entscheidungen kurz überlege, was sie dazu gesagt hätte. Und immer, wenn etwas Besonderes für ONCE ansteht - ein Event, ein Fotoshooting - stelle ich Blumen dazu. Die sind für Justyna.

Von der Idee zum fertigen Stück ist eine Sache - aber wie bringt man ein Modelabel in die Welt? Was hast du gelernt, und was würdest du heute anders oder wieder genauso machen?

Ehrlich gesagt weiß ich darauf keine abschließende Antwort. Ich glaube, es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten. Was für mich am besten funktioniert hat, ist der Kontakt mit anderen Frauen: Kooperationen eingehen, tauschen, in Beziehung treten. Instagram ist natürlich auch sehr wichtig - aber genauso echte Orte, wie der Akjumii Store von Anna Karsch. Ich glaube, in meinem Fall gibt es gar nicht so viel, was ich heute anders machen würde. Eher viele Dinge, die ich noch machen kann.

oben: Justynas Strahlen und Justyna in der ersten gemeinsamen Bluse, unten: Johanna in ihrer Werkstatt


Die Tischdecken, mit denen du arbeitest, haben selbst viele Feste erlebt. Jetzt feierst du deinen eigenen Launch - und jede Bluse, die jemand trägt, bringt ein Stück von Justyna in die Welt. Was bedeutet dir das?

Unglaublich viel. Es ist ein Teil von Justynas Strahlen, der weiterlebt - und das finde ich unglaublich tröstend. Und es ist auch das, was die unbekannten Frauen, die diese Tischdecken bestickt haben, hineingegeben haben. Das lebt weiter: Das ganze pralle Leben, das an Tischen stattfindet, an denen Menschen zusammenkommen - das ist alles mit drin. Eine ONCE-Jacke zu tragen und mich dabei mit all den Frauen vor mir zu verbinden - das ist ein unglaublich schönes, tröstendes, wärmendes Gefühl.

Du hast gemeinsam gegründet - jetzt ist ONCE ein Soloprojekt. Kannst du dir vorstellen, dass irgendwann noch jemand an den Tisch kommt?

Eigentlich fühlt es sich gar nicht so sehr nach Soloprojekt an - denn es kommen immer wieder Frauen dazu, die etwas mit hineingeben. Den Onlineshop hat zum Beispiel Marie Myer gestaltet, die ich letzten Herbst im Akjumii Store kennengelernt habe. Die Fotos sind von Vivi und Fransi, die Freundinnen von Justyna sind. Im Akjumii Store war ich, weil Jules & Mel Teile von ONCE gekauft haben - und sie sind die Optikerinnen eures Vertrauens. Die Frauen auf den Fotos sind Freundinnen, Nachbarinnen, Bekannte. Meine Freundin Gero hat mir im ersten Jahr sehr geholfen, Strukturen aufzubauen.

Das zieht immer seine Kreise - und die richtigen Menschen kommen dazu. Durch ONCE bin ich auch viel mutiger geworden, andere anzusprechen und in Kontakt zu gehen.

Was ist deine Vision für ONCE - und wenn du träumen dürftest, wohin geht die Reise?

Ich sehe ONCE wie einen gedeckten Tisch, an den sich Menschen setzen, um das Leben - mit allem, was dazugehört - zu feiern. Und als Einladung an Frauen, sich über die Zeit hinweg zu verbinden. Das ist eigentlich auch mein Traum: dass sich eine Art Tischgesellschaft entwickelt. Und natürlich träume ich auch davon, dass ONCE sich finanziell trägt.

Du bist selbst Mutter von drei Kindern - sind Produkte für Kinder für dich irgendwann denkbar?

Absolut! Meine Kinder fragen auch schon immer. Es würde auf vielen Ebenen Sinn machen - zum Beispiel kann ich für Kindersachen kleinere Tischdecken verwenden oder Reste vom Zuschnitt. Aber auch der Gedanke, Kinder mit all dem vollen Leben zu verbinden, das in diesen Tischdecken steckt, finde ich sehr schön.

Die ONCE-Jacke RAY OF SUNSHINE

Vielen Dank für das sehr berührende Gespräch, liebe Johanna! Folgt ONCE auf Instagram oder besucht den frisch eröffneten Onlineshop.

Fotos: Vivi d’Angelo, Franziska Freiwald

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„Mehr Selbstvertrauen. Mehr Selbstbewusstsein. Und mehr Unangenehmsein.“