“Ich tue das nicht gegen dich, ich tue es für mich.”
Warum Kati Legge systemische Coachin wurde, was ihre Coachees bewegt - und was es wirklich braucht, um für sich einzustehen.
Kati kennen viele als Mitgründerin von oh tinyville. Mittlerweile hat sie ein zweites Standbein: Nach 18 Monaten intensiver Ausbildung in Heidelberg ist sie systemische Coachin. Was sie in die Ausbildung getrieben hat, war nicht nur das Gespür für Menschen - das hatte sie schon lange. Sondern der Wunsch, auch das Handwerk dahinter wirklich zu beherrschen.
Im Gespräch erzählt Kati, warum der Coaching-Markt sie lange zögern ließ, welche Themen ihre Coachees am häufigsten mitbringen - und was es wirklich braucht, um Grenzen zu setzen, ohne schlechtes Gewissen.
Systemisches Coaching ist dein neues zweites Standbein. Wenn man ehrlich ist: Der Coaching-Markt ist riesig und manchmal etwas „shady". Gab es bei dir Momente, in denen du dich gefragt hast, ob die Welt wirklich noch eine Coachin braucht?
Oh ja, diese Momente gab es. Und zugleich leben wir in so turbulenten Zeiten, privat wie in der Welt - da braucht es gut ausgebildete Menschen, die Orientierung geben. Und andere dabei begleiten, ihren eigenen Weg zu gehen, stimmige Entscheidungen zu treffen und gesunde Grenzen zu setzen.
Ehrlich gesagt habe ich lange gezögert und den Gedanken an eine systemische Coaching-Ausbildung mit mir herumgetragen. Nicht, weil ich am Coaching selbst gezweifelt hätte, sondern weil „Coach“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist. Man darf sich so nennen, ob nach einem Wochenendseminar, nach einer fundierten Ausbildung - oder komplett ohne. Es gibt dadurch leider einfach große Qualitätsunterschiede. Für Coachees ist das, zumindest zuerst, kaum zu erkennen. Und es gibt genug Versprechen auf dem Markt nach dem Motto: 3, 2, 1, und dein Leben ist ein anderes. Davon wollte ich mich klar unterscheiden.
Gleichzeitig arbeite ich seit fast zehn Jahren mit Frauen, auf ganz unterschiedliche Weise. Es erfüllt mich so sehr, sie dabei zu begleiten, für sich selbst einzustehen und loszugehen. Die vielen oh tinyville Formate der letzten Jahre - tiny nights, togetherings, die tiny journey und natürlich das Schreiben unseres Journals it’s all in me: All das hat meine Liebe zu dieser Arbeit gestärkt. Dazu kommt, dass mir selbst Coaching immer wieder geholfen hat. Im Fast-Burnout, in Konflikten, bei großen Lebensfragen, die ich allein nicht klären konnte. Ich habe erlebt, wie sehr es einen voranbringt.
Irgendwann wollte ich neben der Praxis auch das methodische Wissen gerne noch mal richtig erlernen. Nicht nur das Gespür, sondern auch das Handwerk dahinter. Also habe ich mich dann doch entschieden, diesen neuen Weg zu gehen. Seit Juli bin ich fertig - nach zehn intensiven Ausbildungs-Blöcken in 18 Monaten.
Was sind deine Hauptthemen im Coaching und welchen Fokus willst du langfristig haben?
Mein Fokus liegt auf der 1:1-Arbeit mit Frauen, deren Anliegen sehr unterschiedlich sind.
Dabei geht es oft um Lebensübergänge und Neuorientierung, ob privat oder beruflich. Genauso gibt es Coachees, die nach langer Care-Arbeit den Blick wieder auf die eigenen Bedürfnisse richten wollen. Sehr häufig geht es im Coaching auch um Entscheidungsfragen. Im Job, in der Beziehung oder beim Thema Familie. Oft steckt dahinter die eigentliche Frage: Was will ich wirklich? Statt: Was wird von mir erwartet? Und Frauen suchen im Coaching auch Begleitung in Konflikten und dem Setzen gesunder Grenzen.
Ein paar konkrete Beispiele aus meiner Coaching-Praxis: Eine Coachee kam zu mir mit der Frage, ob sie ihren Job kündigen und eine externe Stelle annehmen soll. Eine andere steckte nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes mitten in einem großen Erbschaftskonflikt. Und eine Führungskraft wünschte sich in ihrer Rolle mehr Wirksamkeit.
Für die Zukunft habe ich neben dem Einzel-Coaching auch Lust auf Gruppenformate, in denen mehrere Frauen über einen Zeitraum gemeinsam mit mir an ihren Themen arbeiten und voneinander lernen.
Was mich in all diesen Themen leitet, ist eine tiefe Überzeugung: Jeder Schritt, mit dem eine Frau lernt, für sich einzutreten, geht in die richtige Richtung. Und jede Frau, die sich ihrer eigenen Kraft bewusst wird, stärkt damit auch die Frauen um sich herum. Das verändert nach und nach alles. Wir gehen anders in den Alltag mit unseren Kindern. Wir grenzen uns anders ab, gegenüber dem Partner oder der Vorgesetzten. Wir nehmen uns Zeit für das, was wir wirklich wollen, statt für das, was andere von uns erwarten. Das prägt den Alltag und der Alltag prägt am Ende das ganze Leben.
Viele deiner Themen drehen sich um Neuorientierung. Was sind deiner Erfahrung nach die häufigsten Auslöser dafür, dass Frauen etwas ändern wollen?
Das kann ganz unterschiedlich kommen, manchmal abrupt, manchmal schleichend.
Abrupt ist es oft ein deutlicher Einschnitt. Eine Entlassung. Der Verlust eines geliebten Menschen. Eine gesundheitliche Einschränkung, die plötzlich zeigt, dass man besser auf sich achten darf. Eine Trennung, selbst gewählt oder nicht. Das sind klassische, große Wendepunkte.
Dann gibt es die Lebensübergänge, die sich zwar ankündigen, aber trotzdem viel verschieben. Das Kind kommt in die Kita und auf einmal merkt man, der alte Job passt nicht mehr so recht. Oder nach Jahren der Care-Arbeit, die man vielleicht sehr gern gemacht hat, entsteht wieder Raum für einen selbst, und mit diesem Raum kommen neue Fragen. Oft ist es eine Sinnfrage: Will ich das, was ich tue, wirklich noch, oder haben sich meine Bedürfnisse verändert?
Und dann gibt es das Schleichende. Das sehe ich besonders häufig. Viele Frauen sind über Jahre so sehr für andere da, dass sie sich selbst aus dem Blick verlieren. In einem vollen Alltag mit Familie, Kindern, Partnerschaft, vielleicht den eigenen Eltern, dem Job und den Freundinnen stellen sich die meisten Frauen selbst nicht an erste Stelle. Und irgendwann, mit Anfang vierzig, fünfzig oder später, steht dann die Erkenntnis im Raum: Ich weiß gar nicht mehr so genau, wer ich eigentlich bin und was ich will.
Was heute dazukommt, ist die Geschwindigkeit der äußeren Veränderung. Durch KI und die technologische Entwicklung fallen Tätigkeiten weg oder verändern sich grundlegend. Das betrifft Angestellte wie Selbstständige. Viele fragen sich, ob ihre bisherigen Kompetenzen noch gebraucht werden und was ihr nächster Weg sein könnte.
Katis Coaching-Ort am Bahnwärter Thiel - Methoden für Entscheidungscoachings und Aufstellungen
„Nein" sagen und Grenzen setzen klingt in der Theorie super, löst in der Praxis aber oft Konflikte aus. Welcher kleine Schritt hilft dabei, Grenzen zu ziehen, ohne schlechtes Gewissen?
Ein Satz, der mir selbst und auch im Coaching immer wieder hilft, ist: Ich tue das nicht gegen dich, ich tue es für mich. Den kann man sich innerlich sagen, bevor man eine Grenze setzt. Und man kann ihn sinngemäß auch ins Gespräch tragen. Er nimmt dem Nein das Verletzende und macht klar, dass es um ein Ja zu sich selbst geht, nicht darum, gegen den anderen.
Ganz praktisch hilft außerdem ein kleiner zeitlicher Puffer. Statt sofort Ja zu sagen, ein einfaches: „Darüber muss ich kurz nachdenken.“ Viele von uns sagen aus Reflex zu und merken erst danach, dass sie eigentlich nicht wollten. Dazu gehört auch, Stille auszuhalten, wenn z.B. im Team oder beim Elternabend gefragt wird, wer etwas übernimmt. Sich einzusetzen ist ehrenwert, aber es gibt auch noch andere Schultern als die eigenen.
Und dann ist da das schlechte Gewissen selbst. Wir malen uns zu oft aus, wie die andere Person reagieren wird und was sie über uns denken könnte. Und ganz oft stimmt das überhaupt nicht. Dabei ist klare Kommunikation für beide Seiten besser. Wenn ich immer alles für mich behalte, nehme ich der anderen Person ja die Möglichkeit, überhaupt zu verstehen, wo sie gerade meine Grenze überschreitet. Erst wenn ich sage, was ich will und was nicht, kann sie konkret darauf reagieren.
Was mir wichtig ist: Im systemischen Denken gibt es nicht die eine Person, die „schuld“ ist - und die andere, die es nicht ist. Beide sind Teil eines Systems, in dem sich ein Verhalten oft gegenseitig bedingt. Was wie das Problem einer oder eines Einzelnen aussieht, ist häufig ein Muster, das zwei (oder mehr) Menschen gemeinsam aufrechterhalten, bis hin zum klassischen Teufelskreis. Der Blick darauf, wie dieses Muster zwischen beiden Seiten entsteht, öffnet oft mehr als die Frage, wer sich angeblich falsch verhält. Denn ansetzen kann ich immer nur bei meinem eigenen Anteil - und genau da beginnt die Veränderung.
Für viele (uns beide eingeschlossen!) ist das Thema Sichtbarkeit erst mal unangenehm. Wie bist du über deinen eigenen Schatten gesprungen, bzw. was hilft dir dabei, dich und deine Arbeit zu zeigen?
Für mich war es tatsächlich eine große Überwindung - gerade auf Social Media - über meine Arbeit zu sprechen. Lange habe ich mich gefragt: Interessiert das die Leute überhaupt? Und denken sie vielleicht, ich bin eine von den „shady coaches“?
Angefangen habe ich dann damit, kleine Einblicke aus meiner Coaching-Ausbildung in Heidelberg zu teilen. Snippets aus dem, was ich gerade lerne und erlebe. Die Resonanz darauf war richtig gut und mit jedem Mal bin ich ein Stück mutiger geworden.
Was mir außerdem sehr geholfen hat, war der Branding-Prozess mit meiner Designerin Leonie Ringeler - und das Schärfen meiner Markenidentität. Ich habe verstanden, was mich unterscheidet, was meine Werte sind und wofür ich stehen will. Gemeinsam mit Leonie habe ich meine eigene Sprache gefunden und eine visuelle Ästhetik, die wirklich zu mir passt. Das hat viel verändert. Das Design, die Website und die Worte spiegeln das wider, was ich auch in meinen Sessions vermitteln möchte.
Und ansonsten bleibt es ein tägliches Ins-kalte-Wasser-Springen. Aber es lohnt sich. Nicht zuletzt, weil ich damit vielleicht auch andere Frauen inspirieren kann, die sichtbarer werden und für sich einstehen wollen.
Die ONCE-Jacke RAY OF SUNSHINE