„Wenn nicht jetzt, wann dann?”

Wie Leonie Ringeler Marken von der Strategie bis zur Umsetzung begleitet - und warum sie dabei nie beim Design anfängt.

Leonie Ringeler ist Brand und Web Designerin in Berlin. Nach sieben Jahren nebenberuflicher Selbstständigkeit und Agentur-Arbeit hat sie vor gut einem Jahr den Schritt in die hauptberufliche Selbstständigkeit gewagt. Was sie auszeichnet: Sie denkt Strategie und Gestaltung zusammen - vom ersten Workshop bis zur fertigen Website. Wer mit ihr arbeitet, bekommt nicht nur ein Logo, sondern eine Marke, die erzählt, wofür man steht.

Im Gespräch erzählt Leonie, was sie in die Selbstständigkeit gebracht hat, wie aus Strategie Typografie, Farbe und Bildwelt werden - und warum gutes Design für sie immer zeitlos sein muss.

Du bist vor gut einem Jahr aus der Agentur in die Selbstständigkeit gegangen. Was hat den Ausschlag gegeben, und wie hast du die ersten Monate erlebt?

Eigentlich habe ich die Agentur mit dem Plan verlassen, in einer größeren Agentur weitere Erfahrungen zu sammeln und stärker im Corporate-Bereich zu arbeiten. Während des Bewerbungsprozesses habe ich aber schnell gemerkt, dass sich dieser Weg für mich nicht richtig anfühlt. Gerade in der Designbranche steht die Bezahlung meist nicht ansatzweise im Verhältnis zu der benötigten Kompetenz, die der Beruf mit sich bringt. Mir wurde bewusst, dass ich mir ein Arbeitsumfeld wünsche, in dem gute Arbeit auch entsprechend wertgeschätzt wird.

Diese Erkenntnis hat mich auch dazu gebracht, meine eigene Art zu arbeiten noch einmal zu hinterfragen. Durch meine siebenjährige nebenberufliche Selbstständigkeit und meine Agenturzeit habe ich gemerkt, dass mir die ganzheitliche Art zu arbeiten am meisten Freude bereitet. Mich fasziniert es, Unternehmen über einen längeren Zeitraum zu begleiten und zu erleben, wie aus einer Strategie Schritt für Schritt eine Marke entsteht und irgendwann jemand sagt: “Ja, das ist meine Marke.” Mit der Unterstützung eines Karrierecoachs war dann schnell klar, dass ich den Schritt in die hauptberufliche Selbstständigkeit wagen möchte. Ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die ersten Monate waren dank des Gründungszuschusses vor allem von Vorfreude geprägt. Gleichzeitig wurde mir schnell bewusst, was ich schon geahnt hatte: Hauptberufliche Selbstständigkeit bedeutet wahnsinnig viel Arbeit. Neben dem Design kümmere ich mich heute auch um Projektmanagement, Marketing, Akquise und Finanzen. Das ist zwar anstrengend, aber auch spannend. Und ich habe mir nie den Druck gemacht, dass von Anfang an alles perfekt laufen muss. Es ist ein Prozess.

Wie sind deine ersten Kundinnen und Kunden zu dir gekommen? Und wie hat sich in dieser Zeit herauskristallisiert, wofür du stehst?

Die ersten Kund*innen sind über mein Netzwerk zu mir gekommen. Persönliche Empfehlungen und ein gutes Netzwerk sind gerade am Anfang unglaublich wertvoll.

Ich beschäftige mich schon lange mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Design. Mein Master in Sustainability in Fashion and Creative Industries hat diesen Blick noch einmal deutlich geschärft. Mir ist bewusst, dass die Rolle von Designer*innen weit über die Gestaltung hinausgeht. Mit unserer Arbeit beeinflussen wir, welche Unternehmen, Produkte und Ideen sichtbar werden und wie sie wahrgenommen werden.

Deshalb war für mich von Anfang an wichtig, mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, hinter deren Werten und Zielen ich stehen kann. Aus dieser Haltung heraus hat sich auch mein Verständnis von Nachhaltigkeit entwickelt. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit vor allem, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Entscheidungen bewusst zu treffen und ihre Auswirkungen langfristig mitzudenken.


Du machst Brand Design, Web Design und baust die Websites auch selbst. Das ist selten. Wo kommt diese Bandbreite her und was verändert es für deine Arbeit, wenn Strategie und Umsetzung in einer Hand liegen?

Am Anfang jedes Projekts steht bei mir die Strategie. Der Workshop ist dafür ein wichtiger Bestandteil, weil ich dort unglaublich viel über das Unternehmen, aber auch über die Personen dahinter erfahre. Gemeinsam entwickeln wir die strategische Grundlage der Marke und schaffen Klarheit über das Markt- und Wettbewerbsumfeld, die Positionierung, die Zielgruppe sowie die zentralen Markenelemente. Gleichzeitig bekomme ich ein Gefühl dafür, wie jemand denkt, was wichtig ist und welche Motivation hinter dem Unternehmen steckt. Spätestens nach dem Workshop habe ich meistens schon ein ziemlich konkretes Bild davon, in welche Richtung sich die Marke entwickeln kann.

Danach beginnt für mich erst die kreative Phase. Durch viel Exploration entstehen zwei unterschiedliche Designkonzepte, die auf verschiedenen Schwerpunkten basieren, die wir im Workshop erarbeitet haben. Das Spannende ist, dass sich viele gestalterische Entscheidungen durch die Strategie fast von selbst ergeben. Wenn die strategische Grundlage klar ist, entwickeln sich Logo, Typografie, Farben oder Bildwelt nicht mehr unabhängig voneinander, sondern erzählen dieselbe Geschichte.

Bei Kati war das zum Beispiel besonders schön zu sehen. Im Workshop wurde deutlich, dass ihre Begleitung von einem wiederkehrenden Prinzip geprägt ist: Sie erkennt Muster, spiegelt sie ihren Coachees und eröffnet dadurch neue Perspektiven. Gleichzeitig verbindet ihre Arbeitsweise Empathie mit Struktur sowie Tiefe mit Leichtigkeit. Genau diese Balance wurde zum Leitprinzip der Marke und floss anschließend in die gesamte Gestaltung ein - von den geometrischen Mustern über das Logo und die Typografie bis hin zur Farb- und Bildwelt. So vermittelt Kati ihre Arbeitsweise schon, bevor überhaupt das erste Gespräch stattgefunden hat.

Design für Kati Legge

Was hast du in der Selbstständigkeit über dich gelernt, das du vorher nicht wusstest?

Ich habe vor allem gelernt, wie viel man allein schaffen kann. In einer Agentur verteilt sich die Verantwortung auf mehrere Menschen. Als Selbstständige trägt man plötzlich alles selbst. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich mir so viele unterschiedliche Themen aneignen kann und dabei trotzdem Spaß daran habe.

Ich habe auch gelernt, mir selbst mehr zu vertrauen. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, ob ich etwas wirklich kann. Heute probiere ich Dinge einfach aus und weiß, dass ich für fast alles eine Lösung finde.

Design für Aygul Verse

Woher holst du dir Inspiration im Alltag? Und wenn du dir ein Projekt wünschen könntest, ganz ohne Grenzen, welches wäre das?

Inspiration ist eigentlich überall - das geht wahrscheinlich den meisten Designern so. Ich schaue mir Logos, Schriften, Verpackungen oder Leitsysteme an und frage mich automatisch, warum sie funktionieren oder eben nicht. Das ist manchmal überwältigend, aber die vielen kleinen Eindrücke bleiben hängen und tauchen irgendwann in einem Projekt wieder auf. Außerdem gehe ich unglaublich gerne auf Ausstellungen, Designfestivals, Panel Talks oder Rundgänge. Auch auf Reisen kann man so viel Inspiration sammeln. Ich finde es spannend, zu sehen, wie unterschiedlich Menschen gestalten und denken.

Ein konkretes Traumprojekt habe ich tatsächlich nicht. Mich reizt vielmehr die Art der Aufgabe. Besonders spannend finde ich Rebrandings von Unternehmen oder Organisationen, die schon lange bestehen und sich weiterentwickeln möchten. Eine Marke mit Geschichte zu verstehen, ihre Identität weiterzuentwickeln und dabei nicht zu verlieren, sondern sie in die Zukunft zu begleiten - das finde ich unglaublich spannend.

Designs für GIUSI FOOD und STUDIO CRAVO

Vielen Dank für das sehr tolle Interview, liebe Leonie! Folgt Leonie gerne auf Instagram oder schaut euch ihre Website an.

Fotos: saltyhome photographie, Lina Giusi, Franziska Freiwald, Aygul Verse

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„Hier drin wird nichts persönlich genommen.”